Special > Kommentar (Frosts Kolumne)

Auto-Mobil


Anfang des Jahres 2012 waren in Deutschland 4541 Elektroautos zugelassen. 2020 sollen es nach dem Willen der derzeitigen Bundesregierung 1 Million Fahrzeuge sein, die stromgetrieben über Deutschlands Straßen surren. Also acht Jahre, um 995.459 Elektromobile an die Kundschaft zu bringen. Schwer vorstellbar, dass das zu realisieren ist, wenn das derzeitige Tempo der Innovation beibehalten wird.

Im Moment spricht vieles gegen den Wechsel auf die Überholspur. Was derzeit am Markt ist, ist zu teuer, vor allem für Familien. Die zu geringen Akkukapazitäten bedingen eine zu geringe Reichweite und machen das E-Mobil allenfalls Stadttauglich. Ob die Akkus den Dauerbetrieb durchhalten, darf bezweifelt werden. Bei dem Testfahrzeug, das die Landesregierung seit einem Jahr erprobt, musste der Speicher schon gewechselt werden. Auch das Wiederaufladen dauert zu lange und das Netz von Ladestationen ist keines. Hybridautos mit Elektro- und konventionellem Motor sind da auch nur eine halbherzige Zwischenlösung.

Die Schnellladestation, die jetzt in Erfurt in den Probetrieb ging, kann das Aufladen extrem verkürzen. Damit zeichnet sich zumindest die Lösung eines der vielen Probleme ab. Aber schon die  unterschiedlichen Steckervarianten lassen einen ebensolchen Kabelsalat befürchten wie er für die Unterhaltungselektronik – um ein Beispiel zu nennen – unrühmlich legendär ist.

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum der Wechsel auf eine neue Technologie so schwer fällt. Noch lässt sich auf dem Massenmarkt mit konventionell getriebenen Autos  weltweit noch genug Geld verdienen, zumal deren technologische Entwicklungspotenziale noch längst nicht ausgereizt sind. 

So lange wie es keine für die Masse der Nutzer bezahlbare Elektrofahrzeuge gibt und der Service nicht einigermaßen dem Gewohnten entspricht, werden sie sich nicht durchsetzen. Bezahlbar wird das E-Mobil aber erst, wenn es in genügend großen Stückzahlen produziert wird. An diesem Dilemma ist vor noch nicht einmal 10 Jahren das Laserfernsehen gescheitert. Und das die neue E-Technologie mit Kaufanreizen oder Fördermittel in den Markt gedrückt wird, davor sollte die Photovoltaikindustrie ein warnendes Beispiel sein.

Aber geht es eigentlich um die Alternative konventionelles gegen Elektroauto? Genau genommen spricht keines der Argumente für eine der beiden Varianten. Eher sprechen sie gegen beide Möglichkeiten - und gegen unsere Vorstellung von Mobilität. Mehr Pkw und Lkw, mehr Straßen und Autobahnen, mehr Ressourcenverbrauch an Diesel, Benzin, Gas und Strom – aber am Ende doch wieder nur weniger Mobilität und höhere Kosten für die Allgemeinheit.

Vielleicht ist es höchste Zeit, unsere Vorstellungen von Mobilität zu revidieren und zu prüfen, wie mobil wir eigentlich sein müssen. Um uns dann zu fragen, welches Fahrzeug taugt dafür am besten und welche Infrastruktur. Vielleicht muss man das sprichwörtliche Rad ja wirklich neu erfinden.

27.06.2012