Wissenschaft

Stress im Mutterleib beeinflusst das Gehirn


Prof. Dr. Matthias Schwab untersucht die Stresstoleranz bei einem Kind (Foto: M. Szabo/UKJ)

Prof. Dr. Matthias Schwab untersucht die Stresstoleranz bei einem Kind (Foto: M. Szabo/UKJ)

Stress im Mutterleib beeinflusst die Entwicklung des Gehirns von Kindern. In welchem Maße vorgeburtlicher Stress sich auf die Alterung des Gehirns auswirkt, untersuchen Jenaer Neurologen vom Universitätsklinikum Jena (UKJ) mit Partnern aus Europa und den USA. Sie wollen nachweisen, dass psychischer Stress, eine moderate Mangelernährung der Mutter oder die Gabe von Stresshormonen zur Lungenreifung bei drohender Frühgeburt die Verarbeitung von Stresssignalen im Gehirn des Kindes langfristig verändern, wie das UKJ am Donnerstag berichtet.

Zeichnet sich bei einer Schwangeren eine drohende Frühgeburt ab, so erhält sie häufig Glucocorticoide, um die Reifung der Lunge des Babys zu beschleunigen, beschreibt Prof. Matthias Schwab eines der Probleme. Dies sei die Voraussetzung dafür, dass das Baby atmen kann, wenn es doch zu früh ins Leben starten muss.

Weniger stresstolerant

„Wir wissen, dass diese Kinder später weniger stresstolerant sind und sich schlechter konzentrieren können als Alterskameraden, deren Mütter keine Glucocorticoide erhielten“, sagt Schwab über die Ergebnisse früherer Studien. „Die Regulierung der Stresssignale wird nachhaltig gestört, was möglicherweise zur vorzeitigen Alterung insbesondere des Hirns beiträgt“, erklärte der Neurologe.

Die Untersuchungen belegen, dass auch Stress, wie ihn jede Schwangere erleben kann, die Hirnentwicklung beim Ungeborenen stört. Solche Stresssituationen können etwa bei psychischer Belastung oder bei moderater Mangelernährung auftreten, z.B. durch zu wenig Nahrungsaufnahme der Mutter oder eine Plazentastörung, die bei älteren Schwangeren nicht ungewöhnlich ist. Und auch bei Herz-Kreislaufsystem und Stoffwechsel scheint der mütterliche Stress die Weichen für ein erhöhtes Krankheitsrisiko zu stellen, für Bluthochdruck und Diabetes mellitus beispielsweise.

Weitreichende Folgen?

Das Ausmaß dieser Prozesse, ihre Mechanismen und die Folgen für Alterserkrankungen wie Schlaganfall, Depression oder kognitive Störungen wollen Neurologen des Universitätsklinikums Jena jetzt systematisch untersuchen. Dazu arbeiten sie in einem von der Europäischen Union mit drei Millionen Euro geförderten Projekt mit Molekularbiologen, Psychologen, Fetal- und Neurophysiologen in fünf europäischen Ländern und den USA zusammen.

Basis für die Untersuchungen sind gut dokumentierte Risikogruppen: Kinder, deren Mütter in der Schwangerschaft mit Glucocorticoiden behandelt wurden, Kinder, deren Mütter in der Schwangerschaft unter psychischen Stress litten sowie eine Gruppe von Senioren, die in den Niederlanden im Hungerwinter 1944/45 geboren wurden.  Sie alle werden in ausgeklügelten Tests und mit modernster Analytik auf ihr biologisches Alter, insbesondere auf die Leistungsfähigkeit und das funktionelle und strukturelle Alter ihres Gehirns untersucht.

Ursachen für Veränderungen nachweisen

Mit den Analysen wollen die Neurologen in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern vom Fritz-Lipmann-Institut für Altersforschung in Jena nachweisen, dass epigenetische Regulationsprozesse für die verfrühte Alterung verantwortlich sind – also nicht die genetische Information selbst, sondern ob und wie diese abgelesen und realisiert wird. „Diese Prozesse sorgen dafür, dass die Empfindlichkeit der Glucocorticoid-Rezeptoren, die den Kortisolspiegel im Blut messen und regulieren, wesentlich herabgesetzt wird“, erklärt Matthias Schwab. „Das führt dazu, dass zeitlebens vermehrt Stresshormone ausgeschüttet werden; dieser Dauerstress lässt dann den Blutdruck steigen und kann Depressionen auslösen.“

In weiteren experimentellen Studien mit Tieren wollen die Wissenschaftler nach den Schwangerschaftsabschnitten suchen, in denen das sich entwickelnde Gehirn besonders empfindlich auf Stress reagiert. Auch wollen sie versuchen, mit pharmakologischen Wirkstoffen gegen die erhöhte Stressempfindlichkeit und die daraus resultierende größere Anfälligkeit für Alterserkrankungen vorzugehen. „Das könnte der Ausgangspunkt für Vorsorgemaßnahmen sein, die schon während der Schwangerschaft auf ein langes Leben in Gesundheit abzielen, und für eine Therapie gegen vorzeitige Alterungsprozesse“, sagte Schwab.

08.03.2012