Thüringen wird zur Mitte Europas
Thüringen wird – verkehrstechnisch gesehen – zur Mitte Europas. Endlich ist der Abschluss des ICE-Projektes München-Erfurt-Berlin in Sichtweite. Noch 1000 Tage soll es nach den Worten von Bahnchef Rüdiger Grube dauern, bis der Abschnitt zwischen Erfurt und Leipzig fertig ist. Und 1800 Tage von heute an, bis mit dem Abschnitt Erfurt-Nürnberg das nach heutiger Schätzung 10,3 Milliarden teure Projekt endlich fertig ist.
Aber es hat lange gedauert. Lieberknechts Vorvorgänger Bernhard Vogel schob das Projekt schon 1992 an. Er wollte den ersten Zug bereits 1999 auf der Schnellbahntrasse rollen sehen, eine Illusion, wie heute jeder weiß.
Wenn das Projekt nun in absehbarer Zeit fertig ist, steht Thüringen im Zentrum des transeuropäischen Schienennetzes, meint Thüringens First Lady Christine Lieberknecht. Zuvor hatte sie am Donnerstag zum dritten Mal in zwei Jahren mit Bahnchef Rüdiger Grube darüber diskutiert, wie es mit dem Schienenverkehr in Thüringen weitergeht. „Thüringen ist der Profiteur des Infrastrukturausbaus in Deutschland und Europa“, sagte Lieberknecht.
Es gibt auch Verlierer
Was Bahnreisende zwischen München und Berlin freuen wird, die bald im Sprinter in nicht einmal vier Stunden die Distanz zwischen beiden Städten überwinden können. Selbst fliegen dauert mit dem Weg von und zum Flugplatz länger. Doch die Hochgeschwindigkeitsstrecke macht Bewohner von Weimar, Jena oder Gera zu Verlierern. Sie fürchten, vom Fernverkehr abgehängt zu werden.
Verkehrskonzept in Arbeit
Dem soll mit einem integrierten Verkehrskonzept abgeholfen werden. Voraussichtlich Anfang 2013 sollen erste diskussionsreife Szenarien vorliegen, über die dann öffentlich diskutiert werden soll. Ziel ist es nach den Worten Grubes, ein Konzept zu finden, dass eine exzellente Verknüpfung des Fernverkehrs mit dem Regionalverkehr sicherstellt.
Ausbau der Mitte-Deutschland-Verbindung
Voraussetzung dafür aber ist der Ausbau der von Göttingen über Erfurt nach Chemnitz führenden Mitte-Deutschland-Verbindung zwischen Weimar und Stadtroda. Bis Anfang 2016 soll das geschehen, sagt Grube. Nach jahrelangem Gerangel steht die entsprechende Finanzierungsvereinbarung mit dem Bund vor dem Abschluss. Bis Ende des Jahres soll sie unterschrieben sein. Planungen für den Bau hatte die schon Bahn vorgezogen.
Keine Diesel-ICEs
Nicht ganz so gut sieht es mit der durchgehenden Elektrifizierung der Mitte-Deutschland-Verbindung aus. Hier fehlt noch das Geld. Thüringens Verkehrsminister Christian Carius regte an, dafür EFRE-Mittel der Europäischen Union zu nutzen. Ein gangbarer Weg, findet Grube.
Diesel-ICEs kommen dagegen zur Überbrückung in Thüringen nicht in Frage. Die Bahn hat laut Grube nur noch zwei dieser Kurzzüge. Die bedienen eine Strecke via Fähre nach Dänemark, für die elektrisch betriebenen ICE nicht taugen. Wirtschaftlich sei das nur, weil die Bahn den benötigten Dieselkraftstoff in Dänemark kauft. Dort ist er billiger als in Deutschland. Und die Bahn, so Grube, will ja umweltfreundlich unterwegs sein, begründet er die Absage an neue Diesel-ICEs.
ICE-City für Erfurt
Vorangehen soll es auch an zwei Schandflecken von Erfurt. Grube, Lieberknecht und Erfurts OB Bausewein unterzeichneten nach dem Gipfel eine Absichtserklärung, gemeinsam das Bahnhofsviertel in der Landeshauptstadt zur „ICE-City“ umzugestalten und damit aufzuwerten. Was genau passieren soll, dass liegt noch weitgehend im Dunkeln. Auf der Grundlage einer Studie sollen Brachflächen und der Gebäudebestand zu einem „architektonisch hochwertiger Standort“ entwickelt werden, sagte Thüringens Verkehrsminister Christian Carius. Gedacht wird dabei an Büros, Kongress, Hotel und Wohnen.
Probleme im westlichen Teil
Östlich des Hauptbahnhofes geht das wohl vergleichsweise leicht. Dort gehört das in Frage kommende Gelände der Bahn. Nördlich des Hauptbahnhofes ist mit der Umgestaltung von Willy-Brand-Platz, der Renovierung und Umnutzung des legendären Hotels „Erfurter Hof“, von dem einst Willy Brandt die Bürger der DDR grüßte, und der Umgestaltung der Bahnhofstraße schon eine Menge getan. Problematischer, sagt Bauseweisn, ist das westliche Areal. Dort haben private Investoren das Sagen. Deren Vorstellungen und die der Stadt und ihrer passen nicht zusammen. Bleibt zu hoffen, dass es nicht wieder zwei Jahrzehnte dauert, bis sich das ändert.
05.07.2012
Hintergrund
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Frosts Kolumne
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