Special > Kommentar (Frosts Kolumne)

Oh wie schööön


Wer die Rettung der Bergleute in Chile mit einer Fußballweltmeisterschaft vergleicht, tickt nicht richtig. Wie viele Ängste haben diese 33 Bergleute ausgestanden. Und ihre Familien, ihre Freunde, all die Menschen, die ihnen nahe stehen. Erst 69 Tage eingeschlossen,  in dem Bewusstsein, dass über ihnen mehr als 600 Meter Gestein lasten. Dann der Weg zurück ins Leben durch eine Röhre von 53 Zentimetern Durchmesser. Ich stelle mich zu Hause vor ein Regal, das 55 Zentimeter breit ist. Schon die Vorstellung, so eingesperrt 20 Minuten durch festes Gestein zu fahren, treibt mir den Schweiß grenzenloser Panik auf die Stirn.

Nein, mit Fußball hat die befreiende Euphorie der Bergleute wirklich gar nichts zu tun.

Es ist bewundernswert, wie sich diese 33 Männer fit hielten und sich ihren Lebensmut bewahrten. Mindestens ebenso bewundernswert ist die ingenieurtechnische Leistung, die die Rettung möglich machte, die scheinbare Perfektion, mit der ein Bergmann nach dem anderen und am Ende die Retter an die Erdoberfläche gebracht wurden, bewundernswert der Einsatz so vieler Menschen.

Um die 33 hat man sich gekümmert. Sie hatten Glück. Ihnen galt die Aufmerksamkeit der Welt. Mit Recht. Jedes Menschenleben ist es Wert, dass man es erhält.

Wie viele andere sterben einen unbemerkten Tod, in Gruben in China, in Russland oder anderswo. Nicht zu reden von den ungezählten anderen kleinen oder großen Tragödien.

Aber diese 33 sind gerettet. Sie haben die Chance auf ein Weiterleben im Kreise ihrer Lieben.

Wirklich?

Eine Milliarde Menschen auf der ganzen Welt soll zugeschaut haben. Dann haben sie ihren Fernseher ausgemacht oder auf einen anderen Kanal umgeschaltet. Die Glückwunschadressen sind zugestellt. Der Präsident ist abgereist und geht seinen Geschäften nach. Für eine Weile noch werden Journalisten fragen, wie sich die Geretteten und ihre Familien fühlen. Dann, schon bald, werden die 33 und ihre Familien von San José ihrem Alltag allein ausgeliefert sein.

Die eigentliche Hilfe brauchen diese Menschen erst jetzt, in ihrem zweiten Leben. Wie jeder, der einmal sein zu frühes Verschwinden von dieser Welt vor Augen hatte. Jetzt erst wird sich zeigen, wie viel wert diese Menschen wirklich sind.

14.10.2010