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Ausbau der Schmalwasser-Talsperre zum Pumpspeicherkraftwerk


Wasser kann Energie speichern und bei Bedarf wieder abgeben. Im Bild die Talsperre Leibis in Thüringen. (Foto: Uwe Frost)

Wasser kann Energie speichern und bei Bedarf wieder abgeben. Im Bild die Talsperre Leibis in Thüringen. (Foto: Uwe Frost)

Noch ist nichts entschieden – aber die Signale stehen auf Grün: Schon bald könnte die Talsperre Schmalwasser im Thüringer Wald bei Tambach-Dietharz zu einem Pumpspeicherwerk ausgebaut werden. Es wäre das fünfte im Freistaat und sein Bau mit einer halben Milliarde Euro eine der größten Investitionen in Thüringen seit der Wende. An das größte Pumpspeicherkraftwerk Deutschlands, das im ostthüringischen Goldisthal, wird es aber nicht heranreichen.  

Denn das zum Vattenfall-Konzern gehörende Goldisthal, das 2003 ans Netz ging, ist mit 1060 Megawatt Leistung nicht nur das größte Wasserspeicherkraftwerk Deutschlands, sondern auch eines der größten in Europa. Das Kraftwerk bei Tambach-Dietharz wäre mit 400 Megawatt deutlich kleiner. Es läge etwa auf dem Niveau der beiden Pumpspeicherwerke Hohenwarte I und II zusammen (320 Megawatt und 62 Megawatt). Das Kraftwerk an der Bleiloch-Talsperre ist mit 80 Megawatt das kleinste in Thüringen.

Einsatz bei Spitzenlasten

Pumpspeicherkraftwerke gelten als Batterien der Energiewirtschaft. Ist zuviel Strom im Netz, kann der verwendet werden, um Wasser aus einem im Tal liegenden Becken in ein höher gelegenes Reservoir zu pumpen. In Spitzenbelastungszeiten, wenn morgens in vielen Betrieben und Büros die Arbeit beginnt oder abends in Millionen Haushalten das Licht angeht, wird das Wasser wieder über Rohrleitungen nach unten gebracht und treibt dabei Turbinen an, die Strom ins Netz speisen. Mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien werden solche „Batterien“ immer mehr gebraucht. Denn stürmt es und scheint dazu die Sonne, liefern Windräder und Solarzellen mehr Strom, als verbraucht wird. Ihn zu speichern und dann abzugeben, wenn wer gebraucht wird, eignen sich Wasserspeicher am besten.

Bau bis 2019

2019 soll das Pumpsspeicherkraftwerk Schmalwasser ans Netz gehen, wenn es denn gebaut wird. Für das Projekt spricht, dass es bereits eine Talsperre gibt, die als unteres Becken dienen könnte. Zudem spielt es für die Trinkwasserversorgung in Thüringen keine Rolle mehr, sagte der Geschäftsführer der Thüringer Talsperrenverwaltung, Ralf Rauch. Zudem sei die Staumauer auch technisch gesehen standhaft gegenüber schnellen Lastwechseln, die durch das Hin- und Herpumpen großer Mengen an Wasser entstehen. 750 Millionen Euro wurden Anfang der 1990er Jahre investiert, um sie in Betrieb zu nehmen.

500 Millionen Euro investieren

Eine halbe Milliarde Euro würde der Ausbau kosten, sagt der Projektleiter der in Aachen ansässigen Trianel GmbH, Markus Hakes. Trianel, das ist ein Netzwerk von rund 100 kommunalen Energieunternehmen, das einmal als Energiehändler gegründet wurde, seit 2004 aber auch als Bauherr von Kraftwerken auftritt. „Trianel hat den Standort im Landkreis Gotha als einen der besten Speicherstandorte in ganz Deutschland identifiziert“, sagte Hakes. Die geologisch-technischen Voraussetzungen seien gut. Es lasse sich in der Nähe des vorhandenen Stausees ein 200 bis 300 Meter höher gelegenes Becken mit einem Fassungsvermögen von 4 bis 5 Millionen Kubikmeter Wasser anlegen, wobei die Eingriffe in die Natur so gering wie möglich gehalten würden. Das Kraftwerk könnte mit seiner Leistung von 400 Megawatt unter Vollast sechs Stunden lang  Strom für etwa eine halbe Million Haushalte liefern. , sagte Hakes.

Entscheidung noch offen

Derzeit befinde man sich aber noch im „konzeptionellen Stadium“, sagte Hakes. Für das Schmalwasser-Projekt gebe es zwei Konkurrenzstandorte in Nordrhein-Westfalen, bei Aachen und im Landkreis Höxter. Eine Entscheidung sei noch nicht gefallen. Aber Trianel will das Projekt schnell voranbringen. Je länger es dauert, desto geringer die Akzeptanz, begründet Hakes den engen Zeitplan. Ende dieses oder Anfang des nächsten Jahres soll das Raumordnungsverfahren eingeleitet werden. 2015 und 2016 soll das Projekt geplant und die Aufträge vergeben werden. Für den Bau sind drei bis vier Jahre veranschlagt. 2019 soll das Kraftwerk ans Netz gehen. 35 Stadtwerke des Trianel-Netzwerkes, darunter auch die Stadtwerke Jena, haben sich bereit erklärt, das Projekt zu finanzieren, sagt Hakes.

Offen und transparent

Trianel setzt bei dem Vorhaben auf das Einvernehmen mit allen Beteiligten. Offenheit und Transparenz seien unabdingbar, versichert Hakes. Die betroffenen Kommunen und das Land hat er schon auf seiner Seite. Die betroffenen Gemeinden Tambach-Dietharz, Gräfenhain und Ohrdruf haben bereits Zustimmung zu dem Projekt signalisiert, in Tambach-Dietharz und Gräfenhain haben die Stadträte schon zugestimmt. Machnig und seine Ministerkollegen Jürgen Reinholz (Umwelt) und Christian Carius (Landesplanung und Bau) haben ihre Unterstützung in einem Schreiben an Trianel zugesagt. Auch die Regierungschefin Christine Lieberknecht ist informiert, sagt Machnig.

Rücksicht auf die Umwelt

Auf die Umwelt will Trianel Rücksicht nehmen. Durch die Auswertung aller verfügbaren geologischen unsonstigen Daten habe das Unternehmen immerhin in ganz Deutschland rund 3000 potenzielle Standorte für Pumpspeicherkraftwerke ausgemacht. Ausgeschlossen wurden all jene, in denen es Schutzgebiete gibt, Hauptverkehrswege und Siedlungen zu nah sind. Auch dürfen die Hänge nicht zu steil sein, sonst müsste zu viel Erde abgetragen und transportiert werden.

Die Rohrleitungen zwischen Ober- und Unterbecken sowie die Kavernen für Generatoren und Transformatoren sollen unterirdisch angelegt werden, sagt Hakes. Ob die Stromleitungen unter- oder überirdisch verlegt werden, müsse noch abgewogen werden. Für das obere Becken rund um die Talsperre Schmalwasser gebe es bisher drei mögliche Standorte: eines an der Grenze zwischen den Gemarkungen Gräfenhain und Ohrdruf, eines in der Gemarkung Gräfenhain und eines unweit des Rennsteigs. Welche Region letztlich ausgewählt wird, will Hakes zusammen mit Einwohnern, Umwelt-, Natur- und Regionalverbänden sowie mit der Tourismusbranche entscheiden.

Weitere Pläne

Wirtschaftsminister Machnig Thüringen hält weitere Pumpspeicherkraftwerke in Thüringen für möglich. In etwa zwei bis drei Wochen will er ein Potenzialkataster für Pumpspeicherwerke in Thüringen vorlegen. Nach seiner Einschätzung gibt es bis zu zehn potenzielle Standorte: „Aber die werden natürlich nicht alle realisiert.“

20.10.2011